Auch das “work”, die Zeitung der Gewerkschaft Unia, hat sich mit unseren Forderungen für eine neue Gleichstellungspolitik auseinander gesetzt. In einem Offenen Brief kritisiert Chefredakteurin Marie-Josée Kuhn unsere Herangehensweise. Die Antwort auf diesen Brief könnt ihr hier lesen :
Liebe Marie-Josée
Es freut uns, dass unsere Aktivitäten für eine neue Gleichstellungspolitik Beachtung gefunden haben und spannende Diskussionen auslösen.
Eine ältere Genossin hat mir vor kurzem geschrieben: Als sie vor etwa 50 Jahren der SP beitrat, erklärte ihr der Präsident ihrer Sektion: „Weiber nehmen wir nicht.“ Für Frauen war lange Zeit kein Platz in der Politik, auch nicht in der SP. Doch diese Zeiten, das musst auch du liebe Marie-Josée zugeben, sind vorbei. Heute ist die SP neben den Grünen die einzige Partei in der Bundesversammlung, die gleich viele Männer wie Frauen stellt. Bei den Gewerkschaften geht dieser Fortschritt langsamer voran, aber er geht voran. Und auch gesamtgesellschaftlich hat sich viel getan. Dank engagierten Frauen wie dir, die diese Fortschritte erkämpft haben, hatte ich tatsächlich das Glück, mit einer „Blühgarantie“ aufzuwachsen.
Ich gehöre einer Generation an, bei der schon in der Erziehung klar war: Was ich als Frau lerne, befähigt mich zu mehr als zu Hemden bügeln und Kinder grossziehen. Der Weg ans Gymnasium war leicht, nachfolgend ein Studium in Angriff zu nehmen genauso. Trotzdem hat es mich gestört, dass meine Eltern eine schlechte Note in Französisch nicht goutierten, in Mathe aber in Kauf nahmen (bisch halt es Meitli). Es hat mich wahnsinnig gemacht, mit einer Mehrheit Frauen im Vorlesungssaal zu sitzen aber nur sehr selten von einer Frau etwas doziert zu bekommen. Trotzdem weiss ich, dass ich als Mittelstandskind privilegiert bin und viele Frauen nicht die Möglichkeiten besitzen, die ich habe.
Also habe ich angefangen mich mit Gleichstellung auseinander zu setzen. Weil es noch viel zu tun gibt. Sehr viel.
Und bin dabei auf viele junge Frauen gestossen, die das auch tun. Es wäre schön, wenn die Feministinnen älterer Generationen ihren maternalistischen Ton ablegen könnten und sich fragen, warum diese jungen Frauen in ihren Reihen kaum zu finden sind.
Es mag dich vielleicht erstaunen liebe Marie-Josée, aber ich bin auch auf viele junge Männer gestossen, die das auch tun. Junge Männer, die nicht akzeptieren, wenn eine Kollegin in ihrem Betrieb weniger verdient als sie. Die nicht akzeptieren, dass sie den Ernährer spielen sollen und als Waschlappen betrachtet werden, wenn sie zu Hause bei den Kindern bleiben wollen. Die als Weicheier abgestempelt werden, wenn sie nicht ins Militär wollen oder mal weinen.
Natürlich hast du Recht, wenn du sagst, dass die Mehrheit der Männer nicht gegen das traditionelle Rollenbild ankämpft. Aber ich habe immer geglaubt, dass wir in der Linken Konventionen hinterfragen, Tabus aufbrechen, schlicht fortschrittliche, freiheitliche Politik betreiben, die wir auch vorleben. Und genau in unseren Reihen finden sich diese Männer, die sich sehr wohl gegen die Zwänge die traditionelle Männerrolle erfüllen zu müssen, wehren.
Haben wir Frauen nicht auch Vorbilder gebraucht wie z.B. Marie Böhlen? Auch die Männer brauchen solche Vorbilder. Männer, die zeigen, dass es nicht schwach ist, Hausmann zu sein, sich um die Kinder zu kümmern, liebevoll und zärtlich zu sein.
Liebe Marie-Josée, diese Männer sind von Frauen wie dir erzogen worden, und sie wollen heute an unserer Seite für eine Gesellschaft kämpfen, in der das Geschlecht keine Rolle mehr spielt.
Du wirfst uns vor, wir degradierten die Gleichstellung zum „Nebenwiderspruch“. Genau diesem Vorwurf machen wir aber der bisherigen Gleichstellungspolitik. Wenn nach dem Rücktritt eines Armeechefs die Forderung der SP Frauen ist, nun müsse eine Frau die Führung der Armee übernehmen, dann weiss ich nicht ob ich lachen oder heulen soll.
Gleichstellung wird aus einem gesamtgesellschaftlichen, systemischen Kontext gerissen und als Detailproblem dargestellt. Wie du richtig schreibst, würde ohne unbezahlte Frauenarbeit in der Schweiz (und weltweit) das System in sich zusammen brechen. Und genau deshalb kann doch Gleichstellung nicht betrieben werden, ohne diese strukturellen Probleme zu bekämpfen.
Wir werden nicht zulassen, dass die Gleichstellung weiterhin auf dem Abstellgleis dahin dümpelt. Wir wollen Gleichstellung wieder dahin bringen, wo sie hingehört: In die Mitte linker Politik. Auf die politische Agenda, und zwar ganz nach oben.
Tanja Walliser



für die interessierten hier noch der link auf den work-artikel